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"Diese Sprache der Liebe." Männerfreundschaften im 18. Jahrhundert. Ausstellung zum 200. Todestag von Johann Georg Jacobi.

20.06.2014 - 21.09.2014

In bis dahin nicht gekannter Zahl griffen im 18. Jahrhundert Männer und auch Frauen zur Feder und entwickelten neue Formen der Briefkultur. Einer der wichtigen Impulsgeber in dieser Entwicklung war neben dem Leipziger Schriftsteller Christian Fürchtegott Gellert der Dichter und spätere Halberstädter Domsekretär Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Die Briefe wurden aus dem barocken Zeremoniell befreit; „Natürlichkeit" war das neue Stilideal. Und erstmalig setzte sich die Auffassung durch, dass briefliche Kommunikation einen Gesprächscharakter haben sollte. Briefe wurden außerdem zum literarischen Experimentierfeld. So mancher Autor (oder auch Autorin) trat mit brieflicher Literatur auf die literarische Bühne.

Johann Georg Jacobi (1740-1814) zählt zu den wichtigen, jüngeren Freunden Gleims. Der Dichter und Publizist, älterer Bruder des Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi, war auf Gut Pempelfort bei Düsseldorf aufgewachsen, hatte sich breit gebildet, bevor er Professor in Halle wurde. Er lernte Gleim kennen, der ihn in seinen literarischen Neigungen unterstützte, ihm 1768 ein Kanonikat in Halberstadt verschaffte, um ihm durch die finanzielle Unabhängig den Weg eines Dichters zu eröffnen. Mitte der 70er Jahre verließ Jacobi den mitteldeutschen Raum, kehrte zunächst nach Düsseldorf zurück, um schließlich (als erster Protestant) an die katholische Universität in Freiburg/Br. berufen zu werden, wo er als angesehener Professor und Schriftsteller starb. In der Zeit der Loslösung von Alltagszwängen war es Gleim, der Jacobi zahlreiche Anregungen für sein Schreiben gab. Jacobi wurde zum Dichter der Grazien, zum anakreontischen Briefschreiber, zum empfindsamen Erzähler und zum ‚zärtlichen‘ Freund Gleim. Zahlreiche Rollen nahm er an, in denen er als Autor ausgesprochen produktiv war.

In der Sonderausstellung aus Anlass von Jacobis 200. Todestag legt das Gleimhaus sein Augenmerk besonders auf diese Zwischenphase in Jacobis Leben.

Der Dichter und Sammler Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803) hatte in besonderer Weise Anteil am Freundschaftskult der Zeit. Sein Freundschaftsnetz war über den gesamten nord- und mitteldeutschen Raum gespannt. Kaum jemandem gelang es wie ihm, Freundschaft als Lebenspraxis zu verstehen und mit den neuen literarischen Entwicklungen zu verbinden. Seine Bildergalerie, der „Freundschaftstempel", seine über 10 000 Bücher umfassende Bibliothek und seine umfangreiche Handschriftensammlung mit Briefen aus über 500 Korrespondenzen sind einzigartige Dokumente der Freundschaftskultur.

Gleim regte als wichtiger Vertreter einer neuen Sprache der (zärtlichen) Freundschaft verschiedene literarische Projekte an. Sein berühmtestes Freundschaftsbrief-Projekt stellen die 1768 veröffentlichten Briefe zwischen ihm und seinem jüngeren Freund Johann Georg Jacobi dar.

Die Freunde Johann Wilhelm Ludwig Gleim und Johann Georg Jacobi sorgten bereits im 18. Jahrhundert für Aufsehen: Kaum hatten sich die beiden Dichter 1766 kennen gelernt, begannen sie einen innigen Briefwechsel und publizierten diesen auch bald. Im Jahr 1768 erschienen die Briefe der Herren Gleim und Jacobi sowie die Briefe von Herrn Johann Georg Jacobi in Berlin. Die Kritik war zwiespältig. Die eine Seite lobte die „aufrichtige Liebe", während die andere von der „widrigen Wirkung", die der zärtliche Ton habe, schrieb. Dabei hatten die beiden Freunde ein außergewöhnliches Projekt gewagt: das literarische Rollenspiel, phantasiert in arkadische Welten auf sprachlich höchst originelle Weise. In diese Welten führt die Ausstellung ein.

Die Ausstellung zeigt, dass die freundschaftliche Kommunikation zwischen Gleim und Jacobi zunächst innovativ war und Neues beförderte und dann durch andere Modelle abgelöst wurde. Hier zeigen sich auch die Grenzen der Toleranz, die dem rollenspielgeleiteten, zärtlichen Ton und der entsprechenden Praxis gelebter Freundschaft entgegengebracht wurden. Die Freundschaft zwischen Gleim und Jacobi wird in den Zusammenhang anderer freundschaftlicher Verbindungen von Gleim gestellt, um damit ein Panorama von Männerfreundschaften im 18. Jahrhundert sichtbar zu machen.

Die Ausstellung wird gefördert durch das Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt sowie die ALG (Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten) aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien

Faltblatt zur Ausstellung