FARBEN-SCHÖPFUNG

Otto Illies (1881-1959)

Yokohama - Hamburg - Wernigerode

Retrospektive


Kalter Tag, um 1913, Privatbesitz Göttingen Harzer Pinge (Erzbergwerkstollen), um 1935, Privatbesitz Magdeburg Mond über Meer, um 1900, Gleimhaus

Seit dem 2. Mai ist im Gleimhaus die bislang umfangreichste und erste kunsthistorisch erarbeitete Retrospektive des Malers und Grafikers Otto Illies (1881-1959) zu sehen. Schon die Biographie des Künstlers ist überaus originell: Als Sohn eines Überseekaufmannes wuchs Otto Illies teils in Japan, teils in Hamburg und teils in Schleswig-Holstein auf dem Lande auf. Seine Lehrer waren die besten und modernsten: Georg Burmester bei Kiel, Ernst Eitner in Hamburg und schließlich Ludwig von Hofmann an der seinerzeit fortschrittlichen Weimarer Kunstschule. Kurz nach Beendigung des Studiums baute Illies sich eine Villa am Hochufer der Elbe in Blankenese, um bald darauf nach Wernigerode am Nordrand des Harzes überzusiedeln, wo er die restlichen 35 Jahre bis zu seinem Tod lebte. Zu seinen Freunden gehörten etwa seine Weimarer Mitschüler Ivo Hauptmann, der Sohn Gerhart Hauptmanns, und Hans Delbrück aus der Berliner Gelehrtenfamilie sowie auch Ludwig von Hofmann. Geld hatte im Elternhaus des Malers nie eine Rolle gespielt, es war einfach da. Durch das Erdbeben in Japan 1923, die Weltwirtschaftskrise, den Zweiten Weltkrieg und schließlich die Bodenreform in der DDR büßte er sein ererbtes Vermögen bis zum völligen Verlust ein. Bis dahin hatte er ganz der Kunst gelebt, ohne nach Brot gehen zu müssen.

Illies' Kunst ist völlig frei von Konzessionen an den Publikumsgeschmack. Schon die Motivwahl lässt dies erkennen: Illies malt Wurzeln, Steinbrüche, selbst aufgegebene Bergwerksstollen, mithin geradezu unmalerische Motive. Ozeane und Gebirge gehören zum Repertoire der meisten Landschaftsmaler und so auch zu demjenigen Otto Illies'. Eines seiner Hauptmotive ist der Sonnenuntergang, den er mit einem schier unvorstellbaren Farbenreichtum gestaltet. Den Winter malt er so oft wie kaum ein zweiter Maler. Blumen sind allgegenwärtig in seiner Bildwelt, allerdings selten solche mit üppigen Blüten, eher das bescheidenste Windröschen. Seine besondere Vorliebe galt Obstgärten und Obstbäumen, ja Bäumen überhaupt. Den Harz wie auch die schleswig-holsteinische Landschaft, die ihm Heimat bedeutet, gibt Illies charakteristisch und oft genug auch topograpisch bestimmt wieder, und doch ist er nichts weniger als ein Regionalmaler; ihm geht es um die "ewige Natur".

Stilistisch ist Illies geprägt durch den Impressionismus. In Weimar hatte der Neoimpressionismus eine Pflegestätte; mit seiner Technik der Farbzerlegung, die sich aus optischen Erkenntnissen ergab, war er eine entscheidene künstlerische Erfahrung für den mit einem eminenten Farbensinn begabten Künstler. Auch der Jugendstil ist in seinem Schaffen wirksam geworden, allerdings war Illies mit dem japanischen Farbholzschnitt, dessen Formensprache hierbei von entscheidender Bedeutung war, aus erster Hand und gleichsam von Kindesbeinen an vertraut. Von der Generation her ist Illies Expressionist, was auch seiner Kunst anzusehen ist, allerdings stets durch sein sanftes Wesen gemäßigt. Die Abstraktion lehnte er entschieden ab, was bei der Bedeutung des Gegenständlichen in seiner Kunst nur konsequent war. Illies bekannte sich "in jedes Brombeerblatt verliebt" und konnte diese Gegenstände seiner Liebe nicht nur als atmosphärischen Eindruck oder Farbwert, sondern wollte sie wesenhaft Bild werden lassen.

Otto Illies ist nur Kennern und wenigen Zeitgenossen noch bekannt. Zwar zeigte er seine Bilder auf Ausstellungen, doch war er geradezu erschüttert, wenn sie verkauft wurden, und deklarierte sie daher meist als unverkäuflich. Entsprechend rar waren seine Werke in den letzten Jahrzehnten im Kunsthandel. Otto Illies war - ganz im Gegensatz zu seinem Vetter Arthur Illies, der zum Kreis der jungen Hamburger um den Kunsthallendirektor Alfred Lichtwark gehört hatte - in der Kunstgeschichte nahezu verschollen. .

Bislang wurde Illies als Landschaftsmaler wahrgenommen. Die Ausstellung im Gleimhaus stellt ihn auch als Porträtist, Interieur-, Stillleben- und Blumenmaler vor, zeigt Arbeiten aus allen Phasen und Gattungen seines Schaffens sowie Dokumente seines Lebens. Aus den Grafikmappen des künstlerischen Nachlasses werden Kostbarkeiten der zu jener Zeit kaum geläufigen Gattung der Blumendarstellung ans Licht gehoben.

Der Katalog zur Ausstellung bietet eine Teiledition der Jugenderinnerungen des Malers, die bislang nur als Typoskript vorliegen und eine starke schriftstellerische Begabung erkennen lassen. Diese Aufzeichnungen sind einnehmend in ihrem unprätentiösen Ton und dabei von hohem kunst- und kulturgeschichtlichen Quellenwert. Hier findet das Leben in Pensionaten auf dem Land in Schleswig-Holstein sowie im Hamburger Großbürgertum eine eingehende Schilderung, das Künstlerleben in Hamburg und insbesondere in Weimar, wo Illies studierte.

Das Gleimhaus, dem große Teile des schriftlichen und künstlerischen Nachlass anvertraut wurden, zeigt aus Anlass von Illies' fünfzigstem Todestag dieser Retrospektive. Der eigene Bestand wird um Leihgaben aus Museums- und Privatbesitz aus Mittel- und Norddeutschland ergänzt. Das Gleimhaus in Halberstadt ist ein Haus des 18. Jahrhunderts, aber auch eine Adresse des Vertrauens, dem bereits mehrere Nachlässe von Künstlern der Region in Verwahrung gegeben wurden.
Die Ausstellung wird begleitet von einem museumspädagogischen Programm, von Lesungen und Zeitzeugengesprächen.

Holzsteiner Obstgarten, um 1906, Privatbesitz Sierksdorf